Reiner Calmund – Über Fußball, Essen und Wurst von Pieper

calli

Er ist sicher einer der bekanntesten (Ex)Fußball-Manager Deutschlands. Und seit Kurzem ist Reiner Calmund auch Wahlsaarländer. Wie es zu dem spektakulärem Umzug kam und weitere Fragen hat uns das sympathische Schwergewicht 
im Interview verraten.

Im Vergleich zu Ihrer früheren Tätigkeit als Fußballfunktionär…
Was war stressiger?

Ich bin heute noch sehr viel unterwegs, mein Terminkalender ist dicker als ich. Aber, und das ist der große Unterschied: Ich kann mir heute aussuchen, was ich gerne mache und wohin ich gehe. Ich bin nicht mehr abhängig von den Ergebnissen der Jungs in kurzen Hosen und deren Befindlichkeiten. Der Stress ist positiv und hat nichts mehr damit zu tun, dass es um Existenzen geht. Der Abstieg eines Bundesliga-Klubs trifft ja nicht den Profi am härtesten. Am schlimmsten betroffen sind die „normalen“ Angestellten im Hintergrund. Und wenn die auf der Straße stehen, dann schmerzt das richtig. Hierfür die Verantwortung abgeben zu können, war sicherlich der größte Unterschied zu heute. Ich genieße jetzt auch die längeren Pausen und fühle mich dabei mit meiner Familie im Saarland sehr wohl.

Wie kam es eigentlich dazu, dass sie vom Sportmanager zum gefragten (Dauer)Gast im Fernsehen wurden?

Große Klappe – und was dahinter! Das dürfte die Kurzformel sein. Wenn ich nur dummes Zeug erzählen würde, wäre es bald vorbei mit der Präsenz. Aber ganz nebenbei: Was glauben Sie, wie viele Einladungen ich ablehne?! Das sind sicher 90 Prozent. So viel zum Thema Dauergast! Einen Karriereplan hatte ich nicht. Nach meinem Ausscheiden 2004 bei Bayer 04 gab es gute Angebote als Manager, doch zu meinem großen Glück wollte ich erstmal drei Monate durchschnaufen. In dieser Zeit gab es dann überraschende und sehr interessante Angebote. RTL verpflichtete mich 2004 als Big Boss für die gleichnamige Reality Show in 11 Folgen, direkt danach war ich als WM Experte im RTL Team an Bord. Dabei belegten wir, mit der in Brasilien gedrehte Dokumentation „Calli do Brasil“, Platz zwei beim „besten TV-Feature“ des Jahres 2006. Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 berief mich der damalige Ministerpräsident Peer Steinbrück zum offiziellen WM-Botschafter für Nordrhein Westfalen. Mit ein paar guten Sponsoren-Verträgen. u.a. Markenbotschafter für WM Sponsor Fujifilm im Rucksack, war ich dann knapp zwei Jahre vor und während der WM rund um die Uhr im Einsatz. Es war ein wunderschönes und unvergessliches Ereignis.

Sie betreiben eine vorbildlich geführte Webseite, sogar mit eigener Youtube-Webshow. Haben Sie jemanden, der sie berät oder interessieren Sie sich selbst für die neuen Medien?

Die neuen Medien haben mich schon sehr früh interessiert, meine Frau und ich haben damals stundenlang vor dem PC gesessen und nach neuen Darstellungsformen gesucht. Social Media war ganz früh ein Thema bei mir, die Website sehe ich als Visitenkarte des 21. Jahrhunderts. Da weiß jeder, mit wem er es zu tun hat. Natürlich nutze ich da auch meine Kontakte, um mich beraten zu lassen. Aber auch hier gilt, dass meine Frau die Fäden in der Hand hält.

Sie sind kürzlich überraschenderweise ins Saarland gezogen. Wie kam es zu der Wahl?

Es hatte vor allen Dingen damit zu tun, dass wir unser Leben ein bisschen entschleunigen wollten. Wir haben seit ein paar Monaten eine Adoptivtochter und die braucht unsere ganze Aufmerksamkeit. In Köln und Umgebung habe ich viele gute Bekannte, bekomme jede Menge Einladungen und werde natürlich auch um vieles gebeten. Und mein Problem ist: Ich kann nicht „Nein“ sagen. Also haben wir einen Ort gesucht, der ein paar Kriterien erfüllen sollte. Und das trifft auf Saarlouis oder das Saarland zu. Die Menschen begegnen uns freundlich, aber zurückhaltend. Das Dreiländereck Saarland, Luxemburg und Frankreich erfüllt unsere Erwartungen. Es passt – das können wir ohne wenn und aber schon sagen.

Das Saarland hat ein Identifikationsproblem. Jüngst wurde bekannt, dass das Land einen großen Betrag für eine Imagekampagne springen lassen will. Wie würden Sie in drei Worten die Stärken des Saarlandes, nach einem Jahr als Neu-Saarländer, beschreiben?

Da muss eine Agentur ran. Deswegen ohne Gewähr kurz

MODERN – NETT – LECKER

Konnten Sie sich schon für ein regionales Gericht begeistern?

Ich probiere mich da gerne durch. Was mir gefällt, ist die Mischung aus deftig, bodenständig und raffiniert, die Menschen haben Spaß am Kochen und Essen. Es kann ja kein Zufall sein, dass es im und um das Saarland herum inklusive der Einzugsgebiete von Frankreich und Luxemburg unwahrscheinlich viele Sterneköche gibt. Das ist wohl die höchste Dichte überhaupt, auf solch kleinem Gebiet. Und ich freue mich immer, meine Freundin Lea Linster in Frisange besuchen zu können. Jetzt ein bisschen häufiger als früher. Lea steht für Ambiente, Atmosphäre, gute Stimmung, perfekte Kochkunst bei der man satt wird. Ein Hit ist auch Wolfgang Quack in Saarbrücken. Quack beweist, dass man gleichzeitig bürgerliche und internationale Küche meisterhaft präsentieren kann. Ebenso wie mein kleiner Franzose in Saarlouis, das „Bistro L’Escargot“. Chef Eric sieht aus wie Gerard Depardieu, kocht aber besser als der große Franzose schauspielert. Ich liebe vor allem die Altstadt von Saarlouis. Ein Besuch in der kleinen Bierstraße im Restaurant Marechal Ney und der Creperie am großen Markt steht da häufig auf dem Programm.

Stellen Sie sich vor, dass sie auf einer Party eingeladen sind. Jeder Gast soll etwas Feines mitbringen. Was bringen Sie mit?

Eine Nachspeise natürlich, ein Dessert von Weltklasse: „La Scodella Dimitri“ nach Angelo Conti Rossini. Damit habe ich bei der „Kocharena“ haushoch gewonnen.

Sie haben im Rahmen der Fernsehshow „Iron Calli“ zusammen mit Joey Kelly sich einige Pfunde von den Rippen geschafft. Viele Menschen (vor allem auch Kinder) kämpfen in Deutschland mit Übergewicht. Kann man es Ihrer Meinung nach ab einem bestimmten Gewicht überhaupt ohne fremde Hilfe schaffen? Was sind die wichtigsten Dinge, die sie zu diesem Thema gelernt haben?

Mein Motto heißt: Schenk dem Leben nicht mehr Jahre, sondern den Jahren mehr Leben. Ich bin kein Freund von Grünfutter, Körner und geschmacklosem Jogurt und möchte auch ansonsten Lebensqualität genießen. Trotz meiner vielen Kilos sind meine medizinischen Werte in Ordnung. Wenn mir mein Arzt jedoch die rote Karte zeigen würde, wäre bei mir Schluß mit lustig. Das Leben mit meiner Frau, 6 Kindern , 3 Enkelkindern und vielen Freunden ist mir natürlich viel wichtiger als leckeres Essen. Entscheidend beim Abnehmen ist Bewegung, sie werden mich demnächst im Saarlouis auch häufiger als weißer Wal beim Aqua-Jogging sehen.

 Welche rheinische Spezialität würden sie besonders empfehlen?

Ich verrate ihnen mal was: Es kommt mir nicht nur darauf an, was ich esse, sondern mit wem ich es esse. Für Erfolg und Spass braucht man in allen Bereichen eine gute Stimmung. Ich hatte auch in Odenthal gleich drei Drei-Sterne-Köche in der Nähe. Keine 10 Kilometer entfernt. Da bin ich gerne hin. Aber es mussten die richtigen Leute da sein. Diese feinen, steifen Pinkel, die können mir gestohlen bleiben. Da pack ich lieber Wein, Bier,Frikadellen, Schnitzel und Kartoffelsalat ein und mach mit meinen Kumpels eine Baggerfahrt durchs Saarland. Deftiges Essen, deftige Sprüche – das ist mir lieber als die feinste Zubereitung im kalten Ambiente. Was die rheinischen Spezialitäten angeht, ist der Sauerbraten sicherlich weit vorne. Aber, wie Sie sich denken können, bin ich ohnehin nicht auf eine Regionalküche fixiert. Ich bin flexibel!

In welchem Stadion gibt es die beste Wurst ?

Da gibt es ja den traditionellen Streit zwischen Berlin, Nürnberg und dem Ruhrgebiet. Die beste Stadion-Wurst gibt es ganz klar beim VFL Wolfsburg. Ich ließ mir dieses Prachtexemplar von VW auch schon beim jährlichen Treffen der Golf GTI Fahrer in Reifnitz am Wörthersee auf der Zunge zergehen. Volkswagen betreibt seit Jahren eine eigene Fleischerei und 2010 haben die dort knapp 5 Millionen Würste produziert, die übrigens mit der Goldmedaille der Deutschen Landwirtschaft ausgezeichnet wurde. Auf dem Siegertreppchen würde bei mir auch die grobe Bratwurst vom Kaufhaus Pieper in Saarlouis landen.

Interview: Markus Brixius Bild: privat